Die S.T.A.R.K.-Formel: Wie du in drei Sekunden eine neue Figur baust
Von Albert Schimmel, Improdozent und Gründer von Spontan Theater und Expat Improv
Ein Griff, fünf Regale, eine fertige Figur: Die S.T.A.R.K.-Formel ist das Werkzeug für den Moment, in dem die Szene JETZT eine neue Figur braucht, und du genau drei Sekunden Zeit hast.
Kennst du das? Die Szene läuft, dein Mitspieler bestellt gerade einen Kaffee, und dir ist klar: Diese Szene braucht jetzt einen Barista. Dich. Du hast ungefähr drei Sekunden vom Bühnenrand bis zur Theke. Was in diesen drei Sekunden passiert, entscheidet über die Figur. Und bei den meisten von uns passiert: nichts Bewusstes. Wir betreten die Bühne als wir selbst, mit einer Spur mehr Energie, und hoffen, dass unterwegs eine Figur entsteht. Genau dafür habe ich ein Werkzeug entwickelt: den Fundus mit der S.T.A.R.K.-Formel. Es besteht aus genau einer Handbewegung.
Fünf Entscheidungen, null Zeit
Eine Figur hat viele Dimensionen: eine Stimme, einen Körper, ein Verhalten, eine Haltung zur Welt, vielleicht einen Gegenstand, den sie bei sich trägt. Allein das sind fünf Entscheidungen. Wer versucht, sie alle gleichzeitig zu treffen, entscheidet am Ende gar nichts. Für eine Entscheidung ist unter Showdruck Zeit. Für fünf nicht.
Die gute Nachricht der S.T.A.R.K.-Formel: Du musst nur eine einzige treffen.
Das gilt für Anfänger genauso wie für erfahrene Spielerinnen und Spieler. Eine Figur geht seltener verloren, weil zu wenig vorbereitet wurde, sondern öfter, weil zu viel vorgenommen wurde und man es mitten im Spiel wieder vergisst. Weniger Entscheidungen sind leichter zu halten als viele.
Die Rahmung: Hinter der Bühne steht dein Fundus
Stell es dir so vor: Hinter der Bühne steht ein Fundus. Bevor du als neue Figur auftrittst, greifst du EINMAL hinein und nimmst EIN Teil heraus. Mehr nicht.
Ein Griff im Fundus.
Der Rest folgt von selbst.
Das ist keine Sparsamkeit aus Faulheit, sondern aus Erfahrung: Die eine bewusste Entscheidung löst eine Kettenreaktion aus. Wer aus dem Regal Tier den Reiher-Gang greift, aus dessen Körper spricht von allein eine passende Stimme. Wer aus dem Regal Stimme die dröhnende Feldwebel-Stimme greift, dessen Körper richtet sich von allein auf. Du entscheidest eins, der Rest wächst organisch nach.
Die fünf Regale der S.T.A.R.K.-Formel
In deinem Fundus stehen fünf Regale. Du greifst nur in eines davon. Was du herausnimmst, wird der Anker deiner Figur. Das Akronym S.T.A.R.K. macht das Merken unter Sekundendruck leicht:
- SStimme. Tonlage, Tempo, Pausen, Dialekt und Geräusche.
- TTier. Verhalte dich wie eine Taube, ein Kater, ein Reiher. Das Tier liefert Verhalten, nicht nur Bewegung. Wichtig, am Beispiel Hund: Spiele nicht den Hund, spiele einen Menschen, dessen Verhalten vom Hund inspiriert ist.
- AAttitüde. Eine innere Einstellung zur Welt, vorher gewählt: misstrauisch, verliebt in alles, ständig beleidigt. Der Merksatz zur Abgrenzung: Attitüde ist ein Wort, Tier ist ein Wesen.
- RRequisit. Der sichtbarste Anker der Figur, real oder pantomimisch: die Pfeife, der Gehstock, das Skateboard unterm Arm. Der Anker muss kein Ding sein, auch eine wiederkehrende Geste funktioniert. Verlierst du die Figur unter Showdruck, greifst du zum Anker, und sie ist wieder da.
- KKörper. Gangart und Haltung formen die Figur von außen. Der stärkste Hebel dieses Regals ist eine Frage: Welcher Körperteil führt die Figur durch die Welt? Denk an den Clown: Er führt mit der Nase, das ganze Spiel folgt ihr. Der Führungskörperteil verrät, was die Figur von der Welt will: Die Nase will wissen, die Brust will gesehen werden, der Bauch will haben, die Lende will begehren.
Fünf Regale, ein Griff. Du wählst nicht aus allen fünf, du wählst eines. Die anderen vier füllen sich von selbst.
Kostprobe: ein Griff ins Regal Stimme
Damit du siehst, wie ein Regal von innen aussieht, hier das erste in voller Tiefe.
Ziel ist eine Stimme, die deutlich anders klingt als deine natürliche. Und die du behalten kannst: einen ganzen Abend, ohne deine Stimmbänder zu belasten.
Wie du sie findest: Verändere zuerst EINE Sache an deiner Stimme. Zur Auswahl stehen die Höhe (hoch oder tief), das Tempo, die Pausen, der Resonanz-Ort (Nase, Kehle, Brust oder Bauch), die Präzision (überdeutlich oder genuschelt), der Atem (gepresst oder hauchig), ein Dialekt oder Akzent, die Melodie (monoton oder singend). Ein Regler, nicht acht.
Dazu gehört die Wohlfühl-Regel: Wähle Stimme, Akzent oder Dialekt so, dass sich niemand im Publikum verletzt oder beleidigt fühlt. Alle sollen Spaß daran haben.
Und vergiss nicht: Stimme ist mehr als Sprechen. Geräusche machen Spaß, ganz ohne Worte. Mach den Kaffee und ERZEUGE das Geräusch, statt es nur zu mimen: die Mühle, die Dampfdüse, das Eingießen. Sound-Effekte machen Objektarbeit echt.
So sehen auch die anderen vier Regale aus: eine klare Frage, wenige Regler, ein Merksatz.
Die drei Sekunden, live
Dein Mitspieler stürmt herein: "Doktor, Sie müssen mir helfen!" Du stehst am Bühnenrand. Du hast bis zur Bühnenmitte Zeit, dieser Doktor zu werden.
Ein Griff: Tier, die Mücke. Den Rest macht der Körper. Die Figur wird rastlos. Du näherst dich dem Patienten im Zickzack und umkreist ihn, einmal, zweimal, immer eine Nasenlänge zu nah. Dazwischen immer wieder ein langes, hohes "Hmmmm". Die Hände reiben sich voreinander, die Stimme wird hoch und sirrend, und beim zweiten Kreis sagt dieser Doktor: "Ich mag Ihr Parfum. Halten Sie bitte ganz still."
Richtig oder falsch gibt es dabei nicht. In dem Moment, in dem du dich entscheidest, bist du die Mücke. Deine Mitspieler und das Publikum sehen etwas ganz anderes: einen Menschen.
Das Publikum hat tausend Arzt-Patient-Szenen gesehen. Diesen Doktor hat es noch nie gesehen. Das ist der ganze Trick: Die Beziehung darf vertraut sein, die Figur macht sie neu. Und du hast genau eine Sache entschieden.
Warum nur ein Griff?
Drei Gründe. Zeit: Die Impro-Figur entsteht im laufenden Spiel und muss JETZT auf die Bühne. Lesbarkeit: Das eine gestaltete Merkmal ist das Erkennungszeichen, das Publikum versteht die Figur nach zwei Sekunden und erkennt sie nach zwanzig Minuten wieder. Reproduzierbarkeit: Beim zweiten Auftritt muss die Figur sofort wiedererkennbar sein, und ein bewusstes Merkmal ist unter Showdruck zuverlässig wiederholbar.
Der Vergleich mit dem Schauspiel macht es deutlich: Wer mit festem Text arbeitet, greift in alle Schubladen. Da sind Wochen Probenzeit und meist eine einzige Figur. Impro hat drei Sekunden und fünf Figuren pro Abend. Genau dafür ist der eine Griff gebaut.
Der wichtigste Tipp dazu: Einmal gegriffen, bleib bei deiner Entscheidung. Wirf keine Fundus-Sachen mitten im Spiel weg, das zerstört die Figur.
Und weil die Frage immer kommt: Zwei Griffe können gut funktionieren, bewährt ist etwa Stimme plus Requisit. Aber wer drei oder mehr Sachen mitnimmt, hat die Hände voll. Unterwegs fällt etwas runter.
Kopfspieler oder Körperspieler?
Die fünf Regale sind keine sauber getrennten Kategorien, sondern fünf Türen in denselben Raum: die Figur. Kopfspieler starten mit einer Entscheidung, Körperspieler mit einem Impuls. Die einen spielen von oben nach unten, die anderen von unten nach oben. Beides ist richtig.
Mein Tipp: Probier beide Türen und merk dir, welche bei dir schneller aufgeht.
Was bewusst NICHT im Fundus liegt
Du kennst diese Szenen: Jemand sucht sich einen Tick oder eine schräge Eigenheit aus, oder bekommt sie als Ask-for aus dem Publikum zugeworfen, und zieht sie dann stur durch. Egal, ob jemand lacht. Beim dritten Mal ist es nicht mehr lustig, nur noch anstrengend.
Genau deshalb liegt die Marotte, diese kleine Angewohnheit, die Lacher holen oder die Figur interessant machen soll, absichtlich nicht im Fundus. Für sie gilt eine andere Regel: Die Marotte ist ein Angebot ans Publikum, kein Besitz. Kommt sie an, wiederholst du sie. Kommt sie nicht an, drehst du sie leiser oder lässt sie verschwinden.
Wann wiederholen, wann leiser drehen und was das alles mit dem Game of the Scene zu tun hat: Dazu bald ein eigener Beitrag. Im Workshop probieren wir es sowieso aus.
Woher kommt die S.T.A.R.K.-Formel?
Entwickelt habe ich sie selbst: die Fundus-Rahmung, die fünf Regale in dieser Form und alle Regeln dahinter. Entstanden ist die Formel beim Feintuning für den RomCom-Workshop, als aus einzelnen Übungen nach und nach ein System wurde.
Ehrlich dazu: Die einzelnen Zutaten sind so alt wie das Theater. Mit Tieren arbeiten Schauspielerinnen und Schauspieler seit der Commedia dell'Arte, Keith Johnstone hat daraus einen Klassiker des Improtrainings gemacht, und dass eine äußere Haltung ein inneres Gefühl erzeugt, wusste das klassische Schauspieltraining lange vor uns. Neu ist die Bündelung zu einem Werkzeug, das hinter der Bühne in drei Sekunden funktioniert.
Probier es aus
Am besten lernst du die S.T.A.R.K.-Formel nicht durchs Lesen, sondern durchs Greifen. Und wenn ein Genre von schnell gebauten Nebenfiguren lebt, dann die romantische Komödie: der schräge Barista, die beste Freundin, der eifersüchtige Ex. Genau deshalb ist die Formel im RomCom-Workshop entstanden. Die nächste Gelegenheit:
Improvised RomCom, der Workshop
Wir bauen Figuren mit Fallhöhe, finden das Spiel der Szene und bringen abends gemeinsam eine komplett improvisierte romantische Komödie auf die Bühne. Der Termin im September ist ausverkauft.Der letzte Termin war ausverkauft. Die nächste Gelegenheit: die Valentinstags-Edition.
You prefer improvising in English? Der gleiche Workshop auf Englisch: Improvised RomCom Workshop bei Expat Improv in Köln, Samstag, 15. August 2026, 11 bis 17 Uhr, 79 Euro. Nur noch wenige Plätze.
Die RomCom-Show am 12. September kannst du trotzdem erleben, als Publikum oder bei der Open Stage: Tickets für Show und Open Stage. Und falls im September ein Workshop-Platz frei wird, rückt die Warteliste nach: Eintragen kannst du dich auf der Workshop-Seite.
Häufige Fragen
Was ist der Fundus beim Improtheater?
Ein Werkzeug für den Figurenbau unter Zeitdruck: Stell dir hinter der Bühne einen Fundus mit den fünf S.T.A.R.K.-Regalen vor. Vor dem Auftritt greifst du einmal hinein und nimmst ein einziges Teil. Diese eine bewusste Entscheidung löst eine Kettenreaktion aus, und der Rest der Figur wächst von selbst nach.
Wofür steht S.T.A.R.K.?
Für die fünf Regale des Fundus: Stimme, Tier, Attitüde, Requisit und Körper. Jedes Regal ist eine eigene Tür zur Figur, du brauchst nur eine davon zu öffnen.
Warum soll ich nur ein Merkmal wählen und nicht mehrere?
Aus drei Gründen: Zeit (die Figur muss sofort auf die Bühne), Lesbarkeit (ein klares Merkmal versteht das Publikum in zwei Sekunden und erkennt es nach zwanzig Minuten wieder) und Reproduzierbarkeit (ein bewusstes Merkmal macht die Figur beim zweiten Auftritt sofort wiedererkennbar).
Was mache ich, wenn ich meine Figur mitten in der Show verliere?
Mit der S.T.A.R.K.-Formel passiert das schon mal deutlich seltener: Eine einzige bewusste Entscheidung ist unter Showdruck zuverlässig abrufbar. Verloren gehen meist die Figuren, bei denen man sich zu viel vorgenommen hat. Und falls es doch passiert, ist dein einer Griff der Rückweg: Nimm das Merkmal wieder auf, das du aus dem Fundus geholt hast. War dein Griff das Requisit, hast du es am leichtesten, denn der Gegenstand ist der sichtbarste Anker: Greif zu ihm, und die Figur ist wieder da.
Funktioniert die S.T.A.R.K.-Formel auch im Longform?
Ja. Die Formel ist bewusst genre- und formatneutral. Im Longform hilft sie besonders bei Figuren, die du über einen ganzen Abend wieder treffen musst: Das eine bewusste Merkmal macht die Figur beim zweiten und dritten Auftritt zuverlässig wiederholbar. Und der Griff funktioniert genauso in der Charakterarbeit von Genre-Formaten, von der RomCom bis zum Krimi.
Wo kann ich die S.T.A.R.K.-Formel ausprobieren?
Überall, wo schnell eine Figur gebraucht wird: bei Impro-Shows, am Pen-and-Paper-Tisch beim Rollenspiel oder in der Improvisationsphase der Figurenentwicklung im klassischen Theater. Mit Anleitung lernst du sie beim Improvised-RomCom-Workshop in Düsseldorf. Der Termin am 12. September 2026 ist ausverkauft, die nächste Gelegenheit ist dieDer nächste Termin: die Valentinstags-Edition am Samstag, 13. Februar 2027 (11 bis 17 Uhr, 79 Euro). Abends um 19 Uhr folgt die RomCom-Show mit anschließender Open Stage für alle.
Gibt es den Workshop auch auf Englisch?
Ja. Bei Expat Improv in Köln findet der Improvised RomCom Workshop auf Englisch statt: Samstag, 15. August 2026, 11 bis 17 Uhr (79 Euro).
Die S.T.A.R.K.-Formel: entwickelt von Albert Schimmel, inspiriert u. a. von der Commedia dell'Arte, Jacques Lecoq, Keith Johnstone und Jill Bernards VAPAPO.
— Albert Schimmel