Zwei Improspieler auf der Bühne betrachten gemeinsam einen vorgestellten Gegenstand in ihren Händen

Muss man beim Improtheater witzig sein? Warum Zuhören wichtiger ist als Pointen

Eine der häufigsten Sorgen vor dem ersten Improkurs: Was, wenn mir nichts Witziges einfällt?
Die gute Nachricht: Pointen auf Knopfdruck braucht beim Improtheater niemand.

„Was, wenn mir nichts einfällt? Was, wenn alle auf einen Witz warten und ich einfach nur dastehe?“ Diese Sorge haben viele vor ihrem ersten Improkurs.

Die kurze Antwort: Nein, du musst für Improtheater weder besonders witzig noch schlagfertig sein. Viel wichtiger ist, dass du deinem Gegenüber zuhörst, wahrnimmst, was gerade passiert, und darauf reagierst.

Auch die Spieler in einer Improshow wissen vorher nicht, was passieren wird. Was sie mit der Zeit lernen: einander sehr genau zuzuhören und gemeinsam auf dem aufzubauen, was gerade entsteht. Der Humor ergibt sich dabei oft von selbst.

Wer nach der Pointe sucht, verpasst die Szene

Stell dir vor, du überlegst auf der Bühne schon, was du als Nächstes Witziges sagen könntest. Währenddessen sagt dein Spielpartner etwas, macht eine kleine Geste oder schaut dich plötzlich anders an.

Genau darin steckt vielleicht das, was eure Szene interessant macht. Aber du bekommst es nicht mit.

Eine gute Improszene braucht nicht ständig neue Ideen. Oft reicht es, auf das zu reagieren, was bereits da ist.

Langweilig wird es häufig dann, wenn zwei Menschen auf der Bühne aneinander vorbeireden, einander kaum wahrnehmen und sich gegenseitig mit Pointen überbieten wollen. Beim Improtheater geht es deshalb weniger darum, schnell etwas Witziges zu erfinden, als gemeinsam herauszufinden, was gerade zwischen den Figuren passiert.

Zuhören heißt beim Impro: alles wahrnehmen

Zuhören bedeutet beim Improtheater viel mehr, als nur die Worte des Gegenübers mitzubekommen. Es verlangt Aufmerksamkeit. Du nimmst wahr, was deine Mitspieler tun:

  • Wie steht dein Gegenüber da?
  • Wie klingt die Stimme?
  • Ist die Figur angespannt, verletzt, euphorisch oder völlig entspannt?
  • Was verändert sich gerade?

In meinen Kursen sage ich immer:

Alles, was du auf der Bühne tust, ist ein Geschenk.

Jeder Satz, jede Geste und jeder Blick ist ein Angebot, das die anderen aufgreifen können.

Du gähnst? Ich registriere das und denke: Danke, damit kann ich etwas anfangen.

Ein verschränkter Arm, ein Zögern, ein kurzes Lächeln – all das sind Geschenke.

Diese Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die du beim Impro trainierst. Wer genau wahrnimmt, muss sich nicht ständig neue Pointen ausdenken. Die nächste Reaktion steckt oft schon in dem, was du gerade gesehen und gehört hast.

Improtheater entsteht gemeinsam

Auf der Improbühne muss niemand allein eine Geschichte erfinden. Ein Beispiel:

A„Du hast schon wieder meinen Joghurt gegessen!“

B(gähnt) „Du hast doch gesagt, ich soll mich hier wie zu Hause fühlen.“

A„Das war vor sechs Wochen, als du für eine Nacht zu Besuch gekommen bist und auf der Couch geschlafen hast.“

B„Sechs Wochen schon? Krass. Äh … apropos Couch: Könnte ich heute eigentlich im Bett schlafen und du nimmst die Couch? Mein Rücken bringt mich um.“

Das Gähnen ist ein Geschenk: Es zeigt, dass B völlig entspannt ist, während A sich aufregt. A nimmt das wahr und liefert eine neue Information – B schläft seit sechs Wochen auf der Couch. B greift beides auf: Wer dort seit Wochen müde liegt, fragt eben nach dem Bett.

Die letzte Antwort wirkt vielleicht schlagfertig, vorbereitet war sie aber nicht. Sie entsteht aus dem, was bereits in der Szene vorhanden ist. Als erster Satz einer Szene wäre sie vermutlich einfach verpufft. Nebenbei erfahren wir etwas über die Beziehung: A verliert langsam die Geduld, B hat es sich so bequem gemacht, dass der Vorwurf kaum noch ankommt.

Schlagfertigkeit ist beim Improtheater also kein Talent, das man mitbringen muss. Sie entsteht, weil Spieler genau zuhören und auf das reagieren, was schon da ist. Ein schneller Spruch kann lustig sein, nötig ist er nicht. Was außerdem dazugehört – Lockerheit, Vertrauen und eine Gruppe, in der man sich traut – beschreiben wir im Artikel Schlagfertigkeit lernen: Warum Lachen mehr hilft als der perfekte Spruch.

Dabei hilft eine einfache Frage:

Wenn das wahr ist, was kann dann noch wahr sein?

Wenn jemand seit sechs Wochen ungefragt auf deiner Couch wohnt, möchte er vielleicht irgendwann auch dein Bett. Und wenn du sechs Wochen lang alles mitgemacht hast, fällt es dir möglicherweise schwer, Nein zu sagen.

A könnte also antworten:

A„Okay. Aber nur eine Nacht.“

Damit ist die Szene nicht beendet. Im Gegenteil: Wir haben gerade etwas Neues über A gelernt. A kann diesem Menschen offenbar nur schwer etwas abschlagen.

Vielleicht fragt B am nächsten Morgen nach dem Autoschlüssel.

So bauen wir Stein auf Stein. Wie beim Hausbau kommt zuerst das Fundament: Wer seid ihr füreinander? Wo seid ihr? Was ist gerade los? Darauf wächst die Szene weiter, Satz für Satz.

Wer dagegen gleich mit der großen Wendung oder der zündenden Pointe anfängt, beginnt gewissermaßen mit den Dachziegeln – bevor überhaupt etwas da ist, worauf man sie legen könnte.

Die Beziehung macht die Szene – und oft auch den Humor

In unseren Kursen legen wir deshalb viel Wert auf die Beziehungen zwischen den Figuren. Es macht einen großen Unterschied, ob dir dein bester Freund, deine Mutter oder deine Chefin vorwirft, den Joghurt gegessen zu haben.

Wirft dir dein bester Freund den Joghurt vor, ist es vielleicht nur ein alter Running Gag zwischen euch. Bei deiner Mutter geht es plötzlich darum, dass du nie richtig ausgezogen bist. Und bei deiner Chefin um die Frage, wer im Büro-Kühlschrank eigentlich wessen Sachen isst.

Natürlich dürfen Figuren auch streiten. Schwierig wird es nur, wenn sich der Streit im Kreis dreht:

Streit im Kreis

„Du bist doof!“

„Nein, du bist doof!“

„Du bist noch viel doofer!“

Dann erfahren wir nichts Neues. Interessanter wird es, wenn die Spieler nach und nach mehr über ihre Figuren und ihre Beziehung preisgeben:

  • Warum ist dieser Joghurt überhaupt wichtig?
  • Warum kann A B nicht einfach rauswerfen?
  • Warum nimmt B den Ärger überhaupt nicht ernst?

Der Konflikt muss also nicht kleiner werden. Er sollte nur etwas über die Figuren und ihre Beziehung erzählen.

Beim Improtheater entsteht Humor häufig aus den Beziehungen zwischen den Figuren: aus unterschiedlichen Erwartungen, ehrlichen Reaktionen und daraus, dass beide ihre Situation ernst nehmen. Eine Figur ist maßlos beleidigt, während die andere überhaupt nicht versteht, was sie falsch gemacht hat. Genau das kann komisch sein – ohne dass jemand versucht hat, einen Witz zu machen.

Deshalb entwickeln wir in unseren Kursen Figuren, Beziehungen und gemeinsame Geschichten statt Witze. Der Humor ergibt sich dabei oft von allein.

Wenn du schon Impro-Erfahrung hast, vertiefen wir genau diese Themen in unseren Kursen für Spielende mit Vorerfahrung: Beziehungen, Figuren und längere Szenen, die sich aus dem Zusammenspiel entwickeln.

Was tun, wenn dir auf der Bühne nichts einfällt?

Greif etwas auf, das gerade schon da ist. Du kannst ein Wort wiederholen, auf eine Geste reagieren oder einfach zeigen, was das Gesagte mit deiner Figur macht.

Auch der Raum ist Material: Greif nach etwas, das du dir in der Szene vorstellst. In der Joghurt-Szene von oben könnte A zum Beispiel auf den Boden zeigen: „Schau mal, mein Joghurtlöffel liegt auf dem Boden.“ Schon habt ihr etwas, womit ihr spielen könnt.

Manchmal reicht ein Blick. Auch das ist ein Geschenk, mit dem dein Gegenüber etwas anfangen kann.

Du musst beim Improtheater nicht allein dafür sorgen, dass die Geschichte weitergeht. Deine Mitspieler liefern dir ständig Material, auf das du reagieren kannst.

Mehr zur Angst vor einem Blackout findest du im Artikel Lampenfieber überwinden.

Genau solche Situationen probieren wir in unseren Impro-Schnupperkursen gemeinsam aus – ohne Vorkenntnisse und ohne den Anspruch, besonders witzig sein zu müssen.

Häufige Fragen

Muss ich lustig sein, um Improtheater zu spielen?

Nein. Du musst weder besonders lustig noch schlagfertig sein. Wichtiger ist, dass du zuhörst, auf deine Mitspieler reagierst und bereit bist, gemeinsam etwas auszuprobieren.

Was, wenn mir auf der Bühne nichts einfällt?

Greif auf, was dein Spielpartner gerade gesagt oder getan hat. Ein Satz, eine Geste oder ein Blick reichen oft schon aus. Du musst die Geschichte nicht allein voranbringen.

Muss ich extrovertiert sein?

Nein. Auch ruhige Menschen können sehr gut Improtheater spielen. Wer genau beobachtet und aufmerksam zuhört, bringt bereits wichtige Fähigkeiten mit.

Brauche ich Bühnenerfahrung?

Nein. Unsere Schnupperkurse richten sich an Anfänger ohne Vorkenntnisse. Im ersten Kurs geht es nicht darum, bereits ausgefeilte Szenen zu spielen, sondern überhaupt ins Spielen zu kommen und Improtheater auszuprobieren.

Gut gelaunte Gruppe von Teilnehmenden nach einem Improkurs bei SPONTAN THEATER

Einfach mal auf die Bühne

Im Schnupperkurs geht es nicht um ausgefeilte Szenen, perfekte Pointen oder darum, besonders schlagfertig zu sein.

Du kommst auf die Bühne, probierst einfache Impro-Übungen aus und erlebst, wie etwas entstehen kann, wenn du auf dein Gegenüber reagierst.

Du brauchst keine Vorkenntnisse – und lustig sein musst du auch nicht. Unsere Schnupperkurse finden in Düsseldorf und Köln statt.

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— Albert

Über den Autor: Albert Schimmel ist Theaterpädagoge und Improschauspieler und leitet SPONTAN THEATER in Düsseldorf und Köln.

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