Improvisation im Unternehmen: Warum sie mehr ist als Plan C
Improvisieren gilt als Notlösung für den Fall, dass alles schiefgeht. Dabei tun wir es jeden Tag. Es wird Zeit, das Improvisieren von Anfang an mitzuplanen.
Plan A steht. Plan B liegt in der Schublade. Plan C auch. Und wenn gar nichts mehr geht? Dann müssen wir eben improvisieren. So oder ähnlich klingt es in vielen Teams. Improvisation im Team steht ganz am Ende der Liste, als das, was übrig bleibt, wenn die Planung versagt hat.
Dagegen steht eine einfache Frage: Wann ist ein Plan in der Wirklichkeit zuletzt genau so aufgegangen, wie er geschrieben war? Dieser Artikel zeigt, was Teams von Improspielenden lernen können und wie ein Impro-Workshop für Unternehmen dabei hilft.
Wir improvisieren ohnehin
Ein Termin verschiebt sich, eine Lieferung fehlt, im Meeting kommt eine Frage, mit der niemand gerechnet hat. Kaum ein Projekt läuft ohne solche Momente, und in fast allen wird improvisiert. Nur nennen wir es nicht so. Wir sprechen von Abweichung, Verzögerung oder Krisenmodus und erleben dabei jedes Mal ein kleines Scheitern.
Dabei entstehen viele gute Ideen genau dort, wo etwas anders kommt als geplant. Die Lösung, auf die niemand am Schreibtisch gekommen wäre, taucht oft erst auf, wenn der ursprüngliche Weg versperrt ist.
Wir improvisieren sowieso. Die Frage ist nur, ob wir es als Scheitern erleben oder als Teil der Arbeit.
Planen und Improvisieren gehören zusammen
Das heißt nicht, auf Planung zu verzichten. Auch Improtheater hat einen klaren Rahmen: ein Format, eine Zeit, eine Vorgabe aus dem Publikum. Offen ist nur der Inhalt. Genau so lässt sich im Team planen: Festlegen, was feststehen muss, also Ziel, Termin und Grenzen. Und bewusst offen lassen, was sich erst unterwegs entscheiden lässt.
Für eure nächste Planung: Plant Spielraum für Unerwartetes ein und klärt vorab, wer bei Änderungen entscheiden darf.
Was Improspielende anders machen
Auf der Improbühne ist das Unbekannte der Normalfall. Niemand kennt die nächste Szene, niemand den nächsten Satz. Trotzdem gehen Improspielende gern auf die Bühne. Vier Haltungen helfen ihnen dabei, und alle vier lassen sich üben.
1. Sie vertrauen darauf, einen Weg zu finden
Improspielende werden oft gefragt, ob sie kein Lampenfieber haben. Nervös sind auch sie manchmal. Aber eine Sorge fällt weg: Wer kein Drehbuch hat, kann auch keinen Text vergessen. Die Angst vor dem Abweichen entsteht erst dort, wo ein Plan wie ein Drehbuch behandelt wird.
Improspielende wissen nicht, wie die Szene endet, aber sie vertrauen darauf, gemeinsam ein Ende zu finden. Dieses Vertrauen wächst mit der Erfahrung: Wer oft genug erlebt hat, wie aus dem Nichts eine Szene entsteht, geht gelassener in die nächste. Deshalb entscheiden sie im Moment, mit dem, was sie wissen, und korrigieren, wenn die Szene etwas Neues bringt. Auch Fehler gehören dazu: Wie Improspielende damit umgehen, steht im Artikel über die Regeln des Improtheaters.
Wer im Workshop gemeinsam eine unvorhergesehene Situation gelöst hat, hat später einen konkreten Moment, auf den das Team zurückkommen kann. Damit daraus mehr wird als eine gute Erinnerung, vereinbart ihr am Ende, was ihr im nächsten Meeting anders ausprobieren wollt.
2. Sie hören genau hin und erkennen Muster
Improspielende richten ihre Aufmerksamkeit ganz auf ihr Gegenüber. Sie hören nicht nur, was gesagt wird, sondern achten auch darauf, wie: auf Blicke, Pausen, Körperhaltung und Wiederholungen. Zwischendurch gibt es immer wieder einen kurzen Check-in, oft nur ein Blickkontakt: Verstehen wir beide, worum es gerade geht?
Dabei suchen sie ständig nach dem, was die Szene gerade ausmacht. Taucht ein Muster auf, etwa eine Figur, die jedes Mal zu spät kommt, oder ein Satz, der immer wieder fällt, greifen sie es auf und bauen es aus. Daraus entsteht oft der Kern der Szene. Oft sind es sogar die Pausen, in denen eine Szene am stärksten wird.
Im Team lohnt sich eine ehrliche Frage: Wie oft hören wir wirklich zu? Wie oft sind wir in Gedanken schon bei dem, was wir gleich sagen wollen? Und wie oft lassen wir eine andere Denkweise erst einmal stehen, bevor wir sie einordnen? Wer genau zuhört, merkt, welche Frage in jedem Meeting wieder auftaucht, an welcher Stelle Projekte regelmäßig hängen bleiben oder welche Idee mehrere Leute unabhängig voneinander ansprechen. Solche Muster sagen oft mehr als jede einzelne Meldung.
Für euer nächstes Meeting: Lasst nach einem Beitrag eine kurze Pause, bevor jemand antwortet. Und achtet darauf, was sich wiederholt: Was taucht heute zum zweiten oder dritten Mal auf?
3. Sie arbeiten zusammen
Keine gute Szene entsteht, weil einer besonders gut war. Sie entsteht zwischen Menschen, die aufeinander aufbauen. Improspielende nehmen die Idee der anderen auf, statt ihre eigene daneben zu stellen, und sorgen dafür, dass ihr Gegenüber gut dasteht. Wenn alle das tun, steht niemand allein in der Szene.
Im Team kann das heißen: Ideen treten weniger gegeneinander an und bauen mehr aufeinander auf. Wer auf dem Gedanken eines anderen aufbaut, statt sofort einen eigenen dagegenzusetzen, bringt eine Runde oft schneller voran.
Aus dem Workshop: Zwei Personen planen einen Betriebsausflug. Zunächst beginnt jede Antwort mit „Ja, aber". Danach versuchen sie dieselbe Aufgabe mit „Ja genau, und dann". In der Auswertung fragen wir: Wann habt ihr den Vorschlag eures Gegenübers wirklich aufgenommen? Wann wart ihr schon mit eurer Gegenantwort beschäftigt? Dabei geht es nicht darum, im Beruf jede Idee gutzuheißen. Ideen müssen weiterhin geprüft werden. Die Übung macht erfahrbar, welchen Unterschied es macht, einen Gedanken erst zu verstehen und weiterzudenken, bevor man ihn bewertet.
Übungen wie diese sind der Kern unseres Teambuilding-Workshops. Wie sie für euer Team aussehen können, klären wir vorab im Gespräch.
4. Sie begegnen dem Unbekannten mit Neugier
Ein unerwarteter Satz ist auf der Bühne kein Problem, sondern ein Angebot. Improspielende haben dafür eine einfache Frage: Wenn das wahr ist, was ist dann noch wahr? Behauptet jemand in einer Szene, der Chef komme neuerdings mit dem Einrad ins Büro, diskutiert niemand, ob das stimmt. Die Spielenden fragen weiter: Wo parkt er es? Wer hat es ihm beigebracht? Was sagt das über die Firma? Aus einer seltsamen Behauptung wird so eine ganze Welt.
Dieselbe Frage lässt sich im Team stellen, sobald eine Änderung feststeht. Statt „Warum läuft das anders?" fragt man: Wenn das jetzt so ist, was folgt daraus noch?
So kann das klingen: Der Kunde verschiebt den Start um drei Monate. Wenn das wahr ist, was ist dann noch wahr? Der gestrichene Test hätte wieder Platz. Das Feature, das bisher nicht hineinpasste, könnte doch kommen. Gleichzeitig bleibt das Team drei Monate länger gebunden, Budget und andere Projekttermine müssen neu geprüft werden. Die Frage sammelt zuerst alle Folgen. Welche davon ihr nutzt, entscheidet ihr danach.
So läuft ein Impro-Workshop für Teams ab
Die vier Haltungen lernt ein Team beim Spielen. Vor jedem Workshop klären wir in einem Vorgespräch, worum es eurem Team gehen soll. Im Workshop wird viel gespielt: zu zweit, in Kleingruppen und als ganzes Team. Niemand muss vor der Gruppe auftreten. Die Übungen sind so aufgebaut, dass auch Zurückhaltende gut mitmachen können. Am Ende steht der Transfer: Was nehmt ihr mit in eure Meetings?
Ein Workshop verändert nicht über Nacht, wie ein Team arbeitet. Er macht Muster sichtbar, lässt neue Reaktionen ausprobieren und gibt dem Team ein gemeinsames Erlebnis, an das es im Alltag anknüpfen kann: den Moment, in dem es ohne Drehbuch, aber mit einem klaren Rahmen gemeinsam etwas entwickelt hat.
Je nach Anlass gibt es drei Formate:
- Teambuilding-Workshop: Zuhören, Zusammenspiel und den Umgang mit Unerwartetem trainieren, mit Transfer in den Arbeitsalltag. Zwei Stunden bis ganztägig.
- Impro-Teamevent: Zwei bis drei Stunden Impro, bei denen alle mitmachen, etwa als Teil von Teamtag, Weihnachtsfeier, Sommerfest oder Kick-off.
- Onboarding & Kick-off: Für Menschen, die neu zusammenkommen, etwa beim Welcome Day, im neuen Team oder zum Projektstart. Zwei Stunden bis halbtägig.
- Bühnenpräsenz: Tagesworkshop in kleiner Gruppe im Studio Düsseldorf, um sicher zu präsentieren und frei zu sprechen, mit Übungen auf der Bühne und Videoanalyse.
In unseren Studios in Düsseldorf und Köln oder bei euch vor Ort · auf Deutsch oder Englisch
Workshop für euer Team anfragen
Schreibt uns Anlass, ungefähre Teamgröße und Wunschzeitraum. Wir melden uns mit einem konkreten Vorschlag.
Häufige Fragen
Ist Improvisation nicht einfach schlechte Planung?
Nein. Schlechte Planung lässt offen, was hätte feststehen müssen. Gute Planung legt Ziel, Termin und Grenzen fest und lässt bewusst Raum für das, was sich erst unterwegs entscheiden lässt. Improvisation füllt genau diesen Raum.
Muss im Workshop jemand auf die Bühne?
Nein. Niemand muss vor der Gruppe auftreten. Die Übungen laden dazu ein, die eigene Komfortzone Schritt für Schritt zu erweitern, und jede Person entscheidet selbst, wie weit sie dabei geht.
Kann man Improvisieren lernen?
Ja. Improvisation ist kein Talent, sondern ein Handwerk. Vertrauen, Aufmerksamkeit, Zusammenspiel und Neugier wachsen mit der Erfahrung, dass es funktioniert, und die lässt sich in einem Workshop gezielt sammeln.
— Albert Schimmel
Über den Autor: Albert Schimmel ist Theaterpädagoge und Improschauspieler und leitet SPONTAN THEATER in Düsseldorf und Köln. Als Trainer für angewandte Improvisation arbeitet er mit Teams aus Unternehmen wie Accenture, Verisure und FGS Global, mit den Schwerpunkten Kommunikation, Teamarbeit und Präsentation.